St. Liudger-Kirche
Um das Jahr 1200 entstand am Westrand des Ortes Leer eine Backsteinkirche als eine der ersten in Ostfriesland. Das war ein flach gedeckter schlichter Saalbau mit einer Ober- und einer Unterkirche und zwei Apsiden als Ostabschluss. Die Unterkirche oder Krypta wurde vermutlich zunächst oberirdisch gebaut, bevor später das Areal erhöht wurde und die Krypta unter dem umliegenden Bodenniveau lag. Diese Bauweise war für den Nordwesten Deutschlands durchaus unüblich und der besonderen Bedeutung des Ortes für die Christianisierung Frieslands geschuldet. Denn hier missionierte der Friesenapostel Liudger im Jahr 791 die Leeraner und ließ am Westerende eine erste christliche Kapelle errichten.
St. Liudgeri: katholische Propsteikirche gewidmet dem heiligen Liudger
Die St. Liudgeri Kirche wurde in unmittelbarer Nähe zu früheren Holzkirchen auf dem Hügel am Westerende errichtet. Sie war die Probsteikirche für das Moormerland und hatte somit im Mittelalter eine führende Rolle in der Region. Gewidmet war sie dem Missionar der Friesen, dem heiligen Liudger.
Solange die Kirche katholisch war, gab es nach alter Überlieferung drei Altäre: „ein Hochaltar und zwei gewöhnliche Altäre“, berichtet der Chronist Wessel Onken. Der Hochaltar befand sich mitten im Chor, um den der schlichte Saalbau Mitte des 15ten Jahrhunderts ergänzt worden war. Wessel Onken kennt den Ort deshalb, weil die Kirchengemeinde im Jahr 1583 zwei Grabstellen verkauft hat, die dort lagen, wo früher der Hochaltar stand. Bezahlt hat der „achtbare, wackere Diderico Hardewyk, Amtmann zu Leerort“, dafür 15 Thaler, die zur Aufbesserung des Gehalts vom damaligen Pastor Gerhard Geldenhauer verwendet wurden.
Ohne Zweifel waren sämtliche Altäre mit kostbaren Bildnissen, goldenen und silbernen Monstranzen, Kelchen und anderem Zierrat geschmückt. Vermögende Leeraner hatten zu diesen Kostbarkeiten in der Kirche beigetragen. Erhalten geblieben ist der Gemeinde davon nichts. Der Chronist Eggerik Beninga berichtet: Nach der Reformation „ließ Graf Enno in Übereinstimmung mit seinem Rate aus allen Klöstern und Kirchen die Monstranzen, Kelche nebst allem Gold und Silber einfordern.“ Omke van Ripperda wird als als derjenige genannt, der sich alle diese Schmuckgegenstände aus Leer angeeignet hat. Die Gemeinde verfügte danach offenbar nicht einmal mehr über angemessene Gefäße, um würdig das Abendmal feiern zu können. Erst viele Jahre später war sie in der Lage, wieder einen angemessenen Abendmahlskelchs und eine silberne Brotschüssel zu beschaffen.
Der Glockenturm
Zu der Kirche gehörte ein massiver, alleinstehender Glockenturm, der bis in die Mitte des 16ten Jahrhunderts auch als städtische Waage genutzt wurde. Die reformierte Gemeinde besaß das Waagemonopol: Alle Ware, die in Leer gehandelt wurde, musste über diese Waage. Für die reforierte Gemeinde war das über Jahrhunderte eine wesentliche Einnahmequelle, um vor allem die Schulen zu finanzieren. Wessel Onken beschreibt den Turm als „ein altes, viereckiges und schwerfälliges Gebäude, das sich hinsichtlich seiner Höhe nicht mit anderen Türmen unseres Landes messen“ kann.
Ursprünglich hingen drei Glocken in dem Turm am Westerende. Nach dem Bau des Chors wurde die kleine Glocke für die Kirchenuhr auf der Chorspitze verwendet. Die beiden verbliebenen Glocken bekamen wiederholt Risse und mussten neu gegossen werden. Alle Glocken fanden später Verwendung in der neu gebauten Großen Kirche. Erhalten geblieben sind die ursprünglichen Glocken vom Westerende nicht, weil sie für Kriegszwecke eingezogen wurden.
Reformation
Im Jahr 1525 – vor 500 Jahren – berief der Häuptling Hajo Unken III den Prediger Lübert Kantz aus Münster an die Liudgerikirche. Cantz, auch Canzius genannt, hatte sich in Münster wegen seiner reformatorischen Aktivitäten unbeliebt gemacht und musste fliehen. In Leer war er willkommen. Auch wenn zunächst noch auch katholische Messen gelesen wurden, setzte Kantz mehr und mehr die Reformation in reformierter Prägung durch. Bilder und Altäre verschwanden aus der Kirche. Kantz war auf Seiten der Reformierten an einem Streit mit Groninger Vertretern der Katholischen Kirche in Jemgum beteiligt und 1526 auch an dem nachfolgenden Oldersumer Religionsgespräch. Leer wurde zu einem Schwerpunkt der nach Gottes Wort reformierten Kirche.
Die Liudgerikirche bekommt die Orgel aus dem Kloster Thedinga
Im Jahr 1609 hat der Orgelbauer Martin de Mare aus Bremen im westlichen (hinteren) Teil eine Orgel eingebaut. Ob es davor schon eine Orgel gab, ist nicht bekannt. Sicher ist aber, dass der regierende Graf Enno III der reformierten Gemeinde in Leer die Orgel aus der Kirche des Klosters Thedinga überlassen hat. Die Gesamtkosten für den Umzug, den Einbau und die Erweiterung der Orgel beliefen sich auf 2766 Gulden. Sammlungen und der Verkauf von Grundstücken erbrachten Einnahmen in Höhe von 2804 Gulden. Es gab also sogar einen Überschuss für die Gemeinde von 38 Gulden.
Gespielt wurde die Orgel zum ersten Mal am 23. Juli 1609 vom Meister Martin selbst. Die Gemeinde hat ihm dafür das fällige Biergeld (Trinkgeld) gegeben, das ihm zustand, weil er als erster die Orgel spielte.
Natürlich waren in den Folgejahren wiederholt Reparaturen an der Orgel nötig. Wessel Onken erinnert sich beispielsweise so: „In meiner Jugend, als Gerd Burlage buchführender Kirchenvorsteher war, fand abermals eine Ausbesserung und Erneuerung im Kostenbetrage von 400 Rchsthlr statt, und in diesem Jahre – 1763 – endlich wird eine so bedeutende vorgenommen werden, daß bei Fertigstellung des Werkes dasselbe als ein fast vollständig neues angesehen werden muß.“
Im Jahr 1787 ist die Orgel in die nun neu errichtete Große Kirche umgezogen. Hier sind bis heute Teile der Orgel aus dem Kloster Thedinga enthalten, so dass die barocke Orgel in Leer als die zweitälteste Orgel – nach Rysum – in Ostfriesland gilt und als die größte.
Zusätzlicher großer Priechel (Empore) und Freistühle
Die Zahl der Gemeindeglieder stieg, und der Platz in der alten Kirche wurde am Beginn des 17ten Jahrhunderts knapp. Also ergänzte man im Jahr 1608 den Kirchraum an der Nordwand um einen großen Priechel. Das war eine Empore, die zusätzlich Platz für Kirchenbänke bot. Diese wurden zunächst nicht an einzelne Familien verkauft, sondern standen als Freistühle allen zur Verfügung. „Jedem Bürger und jedem Bürgerskind, reich oder arm, ferner jedem Fremdling, überhaupt allen, welche an Gott und Gotteswort Lust haben und ihre Seligkeit in Christo Jesu zu fördern Willens sind, steht, soweit der Raum ausreicht, unbeanstandet der freie Zutritt zu demselben zu.“ (Wessel Onken)
Möglich war die Empore mit den Freistühlen dank großzügiger Spenden von Gemeindegliedern. Wessel Onkel kommentiert das im Jahr 1763 so: „Man ersieht aus diesem Ergebnis wieder so recht die Opferbereitwilligkeit unserer Vorfahren für kirchliche Zwecke, ein Zug, der uns Nachkommen zur Nachahmung anspornen sollte.“
Kanzel, Messingleuchter, Taufstein und vasa sacra
Ein Taufstein aus Bentheimer Sandstein war von Anfang in der Liudgerikirche vorhanden.
Dank großzügiger Spenden erhielt die Kirche im Jahr 1609 eine neue Kanzel. Ferner verfügte die alte Kirche über drei Messing-Kronleuchter. Der größte war ein Geschenk der hiesigen Krämer (Kruideniers) aus dem Jahre 1666. Den zweiten stiftete der Herr Oncko von Rehden, der dafür den vorherigen Leuchter aus katholischer Zeit mit einem Marienbild verkaufte. Ein dritter kleinerer Leuchter im Westteil der Kirche stammte ebenfalls aus einer privaten Stiftung.
Taufstein, Kanzel und die drei Kronleuchter fanden eine neue Verwendung in der Großen Kirche. Hier sind sie weiterhin im Gebrauch.
Noch aus der Zeit der alten Kirche stammen ein silberner Abendmahlsbecher aus dem Jahr 1588 und ein Brotteller aus dem Jahr 1668. Beides ist nicht mehr im Gebrauch.
Immer wieder Bauschäden und Neubau
Errichtet war die Kirche auf einer Warft, einem künstlich aufgeworfenen Plaggenhügel. Der Grund war nicht sonderlich tragfähig. Das führte immer wieder zu gravierenden Bauschäden. Der Chronist Wessel Onken berichtet über etliche Reparaturen, die jeweils erhebliche finanzielle Mittel erforderten.
Im 15. Jahrhundert wurde die Kirche um einen Chor ergänzt. Der Umbau trug offenbar zu einer weiteren baulichen Instabilität des Gebäudes bei, jedenfalls häuften sich Bauschäden. So weiß Wessel Onken über mehrere große Instandhaltungen an der Kirche zu berichten: Immer wieder Arbeiten an dem offenbar nicht ausreichend gegründeten Chor, eine komplette Neuerrichtung des Westgiebels im Jahr 1571, neue Balken und zusätzliche Anker, all das hat nicht zu dauerhaften Stabilität des Gebäudes beitragen können. Im Jahr 1777 hob ein Sturm während eines Gottesdienstes Teile des Daches ab. Pastor und Gottesdienstbesucher verließen fluchtartig das Gebäude, weil sie einen Einsturz befürchteten. Vielen mieden danach das Gotteshaus, auch wenn die Liudgerikirche weiterhin im Gebrauch blieb. Die Gemeinde verlangte – gegen den Willen des Kirchenrates – einen Neubau.
Der Neubau entstand in den Jahren 1785 bis 1787 weiter östlich im Zentrum Leers. Mit der wachsenden Bedeutung der Schifffahrt war der Ort nach Osten an die Leda gewandert. Den Leeranern gefiel der Standort ihrer Kirche am Westrand ohnehin nicht mehr. Ein weiterer Grund, statt Sanierung der alten Kirche den Neubau im Zentrum vorzuziehen. Nach Fertigstellung der Großen Kirche wurde die alte Lidgerikirche auf Aufbruch verkauft.
Nur die Unterkirche blieb erhalten, weil sie seit der Reformation als Grabstätte für Pastoren und wohlhabende Bürger genutzt wurde. Die dort eingerichteten Grabkammern befanden sich meist im Privatbesitz, so dass an Abriss nicht zu denken war. Somit ist die Unterkirche als Überrest der alten Liudgerikirche bis heute erhalten als eines der ältesten Bauwerke in Ostfriesland und als ein bauliches Zeugnis der Christianisierung.

