Unser alter Friedhof
Petrus Westermann schreibt im Jahr 1929 über die Geschichte des reformierten Friedhofs am Westerende in Leer:
Wir kennen ihn alle: diesen Platz der Ruhe und des Friedens. Umrahmt von hohen Bäumen, am Ende der Stadt, wo kein lärmender Verkehr sich geltend macht, lädt er unwillkürlich zu stillen Gedanken und ernster Besinnung ein. Er erinnert an die Vergänglichkeit und Endlichkeit; seit über tausend Jahren werden hier die müden Leiber zur letzten Ruhe gebracht. Wie viel Herzen mögen hier geklagt, wie viel Augen hier geweint haben an den zahllosen Gräbern, die gegraben sind. Wie oft mag hier auch die Hoffnung auf die Ewigkeit aufgeleuchtet sein: es wird gesäet verweslich, und wird auferstehen unverweslich. Zur Andacht stimmt hier alles.
Es reizt unwillkürlich, ein Stimmungsbild zu zeichnen. Doch das ist nicht unseres Amtes in diesen Blättern. Sie wollen nur Geschichte geben. Weit reicht die hier zurück. Auf dem jetzt noch vorhandenen Hügel hat die alte Kirche gestanden. Diese ist bereits im Jahr 793 nachzuweisen. Mit ihr wird der Friedhof angelegt sein. Somit hat er ein Alter von über 11 Jahrhunderten. Die Kirche ist gefallen, der Friedhof ist geblieben. Auf dem hohen Geestrücken liegend, war er der Ueberschwemmungsgefahr durch die Ems entzogen. Darin lag wohl der Grund seiner Anlegung grade hier.
Freilich äußerlich ist er nicht unverändert geblieben. Mehr als ein Mal ist er vergrößert worden entsprechend der Zunahme der Bevölkerung. So hören wir aus 1576: is dat neue kerkhoff beginnt. Auch aus 1600 wird von einer Vergrößerung berichtet. Sind wir über sie des näheren nicht unterrichtet, so ist es anders nach Abbruch der alten Kirche: durch ihn wird Platz frei, der im Jahre 1811 in den Friedhof hineingezogen wird. Dadurch sind 110 neue Gräber gewonnen. Im Jahre 1869 sind an der Südostseite 44 neue Gräber angelegt. Und die letzte Erweiterung stammt aus dem Jahr 1880. Die im Jahre 1797 verkaufte Süderpastorei wird von der Gemeinde zurück erworben. Der zu ihr gehörende Garten zwischen Friedhofsgrenze und Wohnhaus wird in einer Tiefe von 15 Meter zum Friedhofe geschlagen. Wohl verweigert der Magistrat anfänglich aus sanitätspolizeilichen Gründen die Genehmigung, kann aber der Beschwerdeinstanz gegenüber diese Weigerung nicht aufrecht erhalten. Bei dieser Gelegenheit wird zwischen Friedhof und Friedhofswärterwohnung eine Grenzmauer gezogen. So hat der Friedhof seine jetzige Größe von 86 Ar 7 Quadratmeter erhalten.
Auch das äußere Aussehen hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Ursprünglich führen über den Friedhof keine Wege; über die Gräber geht man von einem Ende zum anderen. Selbst zur alten Kirche führende Wege werden nach deren Abbruch nicht beibehalten, sondern zu Gräbern verwandt. Abgegrenzt ist er lediglich im Süden und Norden durch Erdwälle, die nach altem Herkommen die Kommune Heisfelde und die Inhaber der Westermeetlande aufzumachen haben. Die Wälle werden später durch eine hölzerne Einfriedung ersetzt, während an den beiden Längsseiten die Einfriedung durch Stacheldraht ersetzt wird. Im Jahre 1824 wird der Friedhof selbst neu angelegt unter Schaffung der Wege, die im Jahre 1858 zu der jetzigen Gestalt ausgebaut werden. Der Kirchhof wird so im Kreuz durch zwei Wege durchschnitten, während ein dritter Weg an der äußeren Grenze verläuft. Dieser Ringpfad wird an der Außenseite mit Bäumen bepflanzt. Auch werden Pforten angelegt, die leider unverschlossen sind.
Dadurch wird ein großer Mißstand geschaffen; eine mißbräuchliche Benutzung, besonders der Wege schleicht sich ein: die Kinder benutzen sie als Spielplatz, Hecken und Grabstelle werden zum Aufhängen der Wäsche benutzt und Tiere über die bei ihrer Lage stets trockenen Wege getrieben. Das alles veranlaßt im Jahr 1877 den Kirchenrat, die Zugänge bis auf einen Haupteingang zu schließen. Und der Beschluß wird gegen einen Protest des Magistrats, der die Wege für öffentlich erklären will, aufrecht gehalten und im Beschwerdeweg erfolgreich verteidigt.
So ist die Gemeinde in der Lage, die Ruhestätte ihrer Toten in würdigem Zustande zu erhalten. Ein Friedhofswärter ist angestellt. Vor allem aber kommt es auf die Gemeinde selber an. Ein schlechtes Zeichen für eine Gemeinde, wenn sie die Gräber der Ihrigen verkommen läßt. Wohl soll sie keinen Totenkult treiben. Aber die Ruhestätte der Toten soll ihr eine geweihte Stätte sein zu stiller Besinnung und ernster Sammlung: Warte nur, balde ruhest auch du!
Quelle: Ev.-ref. Kirchenblatt Leer, Dezember 1929

